Liebe Freundin,

ich war im Haus, wo Marinetti sich erschoss. Hotel "Excelsior Splendide" in Belaggio am Comer See, Du kennst das, ein Ort voller Vergangenheitsdevotionalien; ziselierte Silberlöffelchen, Kämme aus Bernstein, kleine Kreuze für 258.000 Lire, ältliche amerikanische Pärchen, Schoßhündchen aus Porzellan, alles klein, alles teuer, alles mondäner Kitsch, der in jenem Hotel seinen Ausgangspunkt zu haben schien. Ringsum war es nur schön, die Berge; in der Lobby standen grüne Sessel, an der Rezeption saß eine blonde Italienerin, die sich einen Telefonhörer gegen das Ohr hielt, ohne zu sprechen. Belaggio liegt am Ende einer Halbinsel, von dort aus geht es nicht mehr weiter. Im Norden die Alpen, sie waren von Wolken verhangen, ich sah sie nicht, wußte nur irgendwie, dass sie da waren, es war mir erzählt worden. Außerdem hatte ich vor der Reise im Atlas nachgeschaut, wo es diese Höhenkarten gibt, die andere nach der Natur gemalt haben.

Es regnete. Das Haus war weiß getüncht, die Farbe blätterte; alles mondän, schlampig, letzte Erinnerung an barocke Gewissheit, Erinnerung, wie gesagt - oder war es materialisierter Verwesungsgeruch? Die süßliche Luft, Blüten, Herbst ... Wenn es damals schon so war - und es war schon längst so: 1944, als die mythopoetische Überreaktion der Moderne gegen sich selbst an ihr Ende gekommen war -, an Marinettis Stelle hätte ich mich auch erschossen. Das ist jetzt verdammt lange her.

Es war, glaube ich, dieser Gestalt gewordene Verfall, der mich abstieß, dieses erstarrte Quellen eines nicht enden wollenden Barock, das mich an den Hochmut jener Leute erinnerte, die ganz genau zu wissen meinen, was ein für alle Mal bleibt. Darüber reden sie gern; am Liebsten reden sie sogar über dieses Reden ... oder über das Gerede von dem, was sich nicht bereden lässt ... die Feier des Unsagbaren ... schön, still, unbeweglich. Sie palavern vom Palaver, weil sie vor der Konsequenz des Bleibenden zurückschrecken, davor, es deutlich zu benennen, das, was sich nicht mehr regt, bewegungslos, tot ist - der Verwesung widerstandslos ergeben. Memento mori .....

Wieder mußte ich an unsere Gespräche über Poetik denken, als ich zurückgekommen war von dort, dem Ende der Halbinsel, von wo aus es nicht mehr weitergeht. Fürs erste hatte ich es nur bis hier nach Como geschafft.

Warum nicht: memento vitae?

Die Krise unserer Dichtung ist eine Krise der Selbstgefälligkeit des Sprachparadigmas. Als gäbe es einen Vorrang der Rede vor der Tat! Sicher, im Anfang war das Wort, aber es war das Wort Gottes und nicht das Wort Adams, des Menschen. Es war das Wort, dessen Aussprechen etwas entstehen lässt, das Zeitwort, auf das wir Menschen mit einem Verb verweisen. Auf die Schöpfung zeigt ein Satz wie "er macht", darauf verweisen nicht Sätze wie "ich denke mich" oder "ich rede, also bin ich", und erst recht nicht die übliche Zitatform: "ich hörte sagen" ... Der göttliche Funke, wenn man so will, findet sich bei uns nicht in der Fähigkeit des babylonischen Babbelns, sondern in der Fähigkeit, etwas hervorzubringen, in der Technik zum Beispiel; auch in der Fähigkeit, Beziehungen entstehen, Gestalt werden zu lassen, eine Gemeinschaft zu bilden, die den Einzelnen nicht vernichtet, den Adam oder die Eva in uns allen - in der Befähigung zum Lieben.

Wenn wir überhaupt eine Sprache thematisieren sollten, dann diese, die sozusagen "göttliche" Sprache, nicht die, mit der wir auf jene zeigen. Das Zeigen des Zeigens verflüchtigt sich in der Dekadenz des Hochmuts, verbürgt den Verfall, es bringt uns zwangsweise in das Haus, wo Marinetti sich erschoss, aber keinen Schritt näher an die Wahrheit des Offenen heran. Wenn schon zitieren, dann die Natur, das, was wird und die, die werden und etwas entstehen lassen. Das Menschliche ist nicht die Antithese, sondern die Wahrheit des Heiligen. Es kann gemacht und gesagt werden, nicht aus der Erinnerung heraus, sondern um der Zukunft willen; damit es weitergeht. Memento vitae.

Am Sonntag stieg ich von Como aus einen Hang hinauf. Der Weg führte zwischen Mauern und Zäunen entlang, links und rechts lagen Wohnhäuser und Villen. An mir vorbei liefen die Leute nach unten zum Gottesdienst. Ich stieg weiter. Bald war ich vollkommen nassgeschwitzt - das schwüle Klima am Comer See -, hätte mich gern einiger Sachen entledigt, wenn ich nicht von Anfang an schon so wenig auf dem Leib gehabt hätte. Wir sprachen davon: es gibt sichere und es gibt ehrenvolle Wege. Im Buddhismus unterscheidet man zwischen dem Ideal des Buddha und dem des Bodhisattva. Ersterer strebt danach, ein Heiliger zu werden, letzterer verzichtet auf das Heil, geht zu den Menschen, redet, handelt und hilft. Ich ging nicht in die Kirche. Mein Aufstieg endete an einem kleinen Parkplatz, auf dem einige Autos abgestellt waren. Er gehörte offenbar zu einem Restaurant, die hölzerne Tür in der Mauer war abgeschlossen. Ich war zu früh dran.

Auf diese Mauer setzte ich mich, hatte durch die Bäume gute Sicht auf den See tief unten, auf Como, eine beachtliche Kleinstadt. Von der Bucht herauf waren Lautsprechergeräusche zu hören, Motorboote, Wasserflugzeuge. Die Kirchenglocken übertönten vieles, bis auf ein paar Hunde, die doch lauter bellten. Das alles nahm ich einfach nur wahr, empfand für den Moment das Fehlen von Bezichtigungen oder Entschuldigungen als etwas ungeheuer Befreiendes. "Ungeheuer ist viel. Doch nichts ist ungeheurer als der Mensch." So übersetzte Hölderlin Sophokles. Die Übersetzung ist bekanntlich philologisch prekär, es müßte vielleicht doch "schrecklich" heißen. Trotzdem ist sie genau: prekär. Ungeheuer, das meint nicht nur unheimlich, sondern vor allem auch ehrfurchtgebietend - ungeheuer toll, würde man heute sagen, ist der Mensch. "Denn der, über die Nacht des Meers, wenn gegen den Winter wehet der Südwind, fähret er aus in geflügelten sausenden Häusern." Damals Schiffe, heute Flugzeuge und Space Shuttles. Aber jetzt bin ich schon in die Falle des Zitierens getappt

Dort, beim Blick auf die Comer Bucht, nahm ich alles als Vorgang wahr, hörte die Stimmen dessen, was war, derer, die waren, Sprache der Welt, vielleicht die der Schöpfung, während die Rede der Menschen für den Moment in sie eingewoben blieb, dazugehörte und sich doch nicht heraushob. Poetisch wäre die legitimste Form, diese Erfahrung zu erinnern, das Gedicht der Beziehung. Oder lehnst Du das ab?

Petrarca fiel mir ein (Rückfälle beglaubigen die Notwendigkeit der Ablösung), Petrarca, wie er den Mont Ventoux bestieg. Sicher, mein Berg war viel kleiner, und ganz bis hinauf bin ich wegen dieses blöden Parkplatzes auch nicht gekommen. Trotzdem dachte ich ein wenig übermütig, ich könnte Petrarcas Aufstieg vielleicht wieder wahr machen, indem ich hinunterginge in die Stadt und anfinge, hinzusehen und zuzuhören. (Während ich das hier schreibe, im Hotel, klopft immer wieder das Zimmermädchen an. Ich glaube, sie ist Türkin; ihr Kopftuch ... ihre Vorstellung von Offenbarung ... sie hat ja recht, mich zu stören, es gibt so viel zu tun!) Beim Abstieg fiel mir noch Dürers Grasnabe ein, die so vieles offenbar macht von der Gegenwart dessen, was Gott heißt, mehr als alle Ikonen zusammengenommen; oder das Bildnis seiner Mutter; oder die junge Venezianerin, in die man sich noch heute verlieben muss. Das Problem der Perspektive ist doch auch unseres. Du, ich flehe Dich an, nimm das Geschenk der Perspektive, was gibt es schon zu geben, wenn nicht das!

Gestern war ich in Mailand. Natürlich besichtigte ich den Dom (ein Türmchen zitiert das andere Türmchen, selbstbezügliche Gotik ... Barock, Moderne ... und immer wieder Renaissancen ...). Als ich hineinging war nicht viel zu sehen, es blieb dunkel. Ich setzte mich; wie immer möglichst weit ab vom Altar ... das ist mein Zoll an die Rücksicht ... mit der Zeit wurde es heller.

Klar, keine Erleuchtung; ich weiß, so wurde es, weil die Pupillen sich weiteten, öffneten, weil ich mich an die Lichtverhältnisse gewöhnte ... es war die Bewegung im Auge, die mir die Umgebung heller machte, verdunkelnde Gotik besiegte, Auge der Fenster. Dürer malte seinen Figuren kleine Augenfester auf die Iris. "Das Auge leuchtet nicht, es spricht", gab Levinas zu bedenken. Es spricht ohne Worte.

In einem Torbogen des Castello Sforzesco stieß ich beinahe mit einem Hochzeitspaar zusammen. Die zwei waren offenbar, sie waren glücklich. Später fragte mich eine Italienerin nach dem Weg. Obwohl ich ihre Sprache nicht spreche und also nicht wußte, wohin sie wollte, gab ich mir doch redlich Mühe, ein wenig von dem Weg anzuzeigen, der eben nie ganz meiner ist, weil er ganz und gar ist.

Dir verbunden.

1998 - 2014 © Ingo Schramm