Allein ist nicht allein


   Noch im Zug hab ich die Wahrheit abgeschrieben. Vom Kopfbahnhof zur Busstation ging ich zu Fuß. Der Zettel wurde alt dabei und nirgends seh ich nun die starken Zeilen stehn. Auf wie viel Wortbruch lassen sie sich kürzen? Satz für Satz muss weichen, doch nicht einer will im Scherz vergehn.


   Am Feldrand lockt die Bundesstraße und der Raps blüht gelb. Der Pilot spielt oben Immelmann. Weißer Rauch zieht Bahn nach Bahn fürs Auge in den Himmel. Nimm meine Zunge, Flieger, gib mir was ich haben muss, ein Jünger deines Bilds zu sein. Alles will ich sauber halten, sicher, Glas und Nacht und jeden Satz Ikonen.


   Ein Schritt nur bringt mich hintern Ginster, wo Schatten ist und glanzlos Dreck die Würmer deckt. Pilze wachsen ohne Wissen, Ahnung, Langeweile oder was auch immer. Die Farben täuschen und was schön ist tötet. Ich hab die Wahl, ich muss mein eigner Anwalt sein vor dem Gericht der Biochemie.


   Nein, möchte gar nicht sagen können: "Gott kehr wieder" oder "warum hast du mich verlassen." Die Sprache dafür liegt mir pappig auf den Lippen. O Herr, halts Maul, kein Wort mehr nach dem Happyend der Offenbarung. Die Hochzeit ist erledigt. Im Straßenmeer hat jeder seine Boje und im Netzverkehr die Leuchtdiode.


   Vom Hinterzimmer aus schreib ich die Wahrheit neu. Subject: Liebling, komm jetzt, Liebling, Du, mein Du.

1998 - 2014 © Ingo Schramm