Spät


   Beim Weg von Bank zu Bank sah ich einen Sperling auf dem Gehsteig liegen, hob ihn auf, das trockene Gefieder wog wie tausend Bürden. Gesang pickte mir die Kontonummer aus dem Ohr. Über Gärten zog der Rauch gegrillter Rippchen und die falschen Paradiese bleckten ihren Flieder.


   Wo der Weg sein Ende hat, bleibt das Tor verschlossen. Eisen, Gitter, ringsum viel Privatgebiet. Vor der Friedhofsmauer die Straße, vierspurig, in der Luft ein Stern aus Airways. Ach, toter Vogel, nur meine Hand taugt Dir zum festen Grab.


   "Zu viel hab ich gehört, zu viel gesagt. Aus dem Abfall meiner Sätze ist der Tod gekrochen. Zu viel sah ich, was einzig nach dem Buchstaben ein Recht hat und die Horizonte sah ich nicht, über denen ein ferner Stern aufsteigen muss, wenn Licht werden soll."


   Zu viel hab ich dem Lied der Sonne zugetraut.


   "Einst taten Götter groß und nahmen alles in die Hand. Aus ihren Taschen floss das monatliche Mana, ihre Liebe war mir das Linsengericht. Warum erhob ich meine Hand nicht gegen sie, lief fort? Verrat, Verrat!"


   Ich lief, an Mülltonnen kam ich zum Stehen.


   "Zu spät hab ich mein Herz erkannt, das schlägt und will. In tausend Sätze ist die Kraft verflossen. Weh mir, wenn Winter ist, dann hab ich in der Hand den Spatz und niemals sah ich mich, der zwischen Tauben läuft!"

1998 - 2014 © Ingo Schramm